car2go: Usability aus dem Mittelalter

car2go: Usability aus dem Mittelalter

Heute war es mal wieder so weit: Mein Bus ist mir direkt vor der Nase weggefahren. Warum haut das mit den Anschlüssen eigentlich nie hin in Barmbek?
Im Prinzip kein großes Malheur, alle 8 Minuten kommt der nächste Bus. Eher ein psychologisches.

Aber macht ja nix: Hamburg ist ja gut bestückt mit allerlei Carsharing-Angeboten. Nutze ich schon eine Weile und recht gerne. Als App benutze ich "Mobility Map", weil einerseits die Apps der Anbieter eher nicht Begeisterung bei mir hervorgerufen haben und zum anderen, weil die App gleichzeitig mehrere Anbieter darstellt. Ich nutze car2go(Smart) und DriveNow(Mini) in regelmäßigem Wechsel.

Es waren auch schnell ein paar Fahrzeuge nur hundert Meter entfernt zu finden. Diesmal war der Kandidat der Wahl ein car2go. Icon angetippt, "Reservieren" ausgewählt und fertig. 30 Minuten Zeit bleibt mir also, bis die Reservierung ausläuft.

Zunächst einmal stand ich vor dem falschen Auto und versuchte erfolglos es zu öffnen. Der "Reservierer" hat sich Achselzuckend entschuldigt, war er wohl schneller. Ich prüfe also noch einmal das Kennzeichen in der App: Stimmt. War das falsche. Mein Auto steht nur ein paar Meter weiter in der Straße. Gut gelaunt gehe ich zum Fahrzeug und halte meine "SwitcHH"-Karte vor das Lesegerät. Wie immer warte ich etwas ungeduldig, bis endlich die Verbindung zum Server aufgebaut wird. Nur dieses Mal gibt es anstelle des "Klack" in Verbindung mit dem Warnblinker ein Fehlermeldung: "Dieses Fahrzeug lässt sich nur per Smartphone öffnen".

Na toll. Muss ich doch noch die offizielle App installieren. Ich navigiere mit dem Smartphone in den Play Store und lade die Car2Go- App herunter. Zum Glück ist die Verbindung gut, deshalb brauche ich nur ein paar Minuten Sekunden für die gut 5 MB. Nachdem die App gestartet ist, werde ich in meiner Antipathie für die offiziellen Anwendungen bestätigt. Neben nichtssagenden Icons gibt es immerhin ein aufgeräumtes Einstellungsmenü. Alle Menüpunkte sind klar erkennbar und gut beschriftet. Naja. Alle Menüs bis auf eines: Das "Login" befindet sich über dem eigentlichen Menü unscheinbar vor einem Hintergrundfoto. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass das Menü wirklich "versteckt" war, aber ich habe es erst im vierten Anlauf entdeckt.

Der Login ging recht einfach. Username, Passwort: Glücklicherweise ist KeePass installiert, sonst hätte ich Probleme gehabt, das Passwort zu merken.
Recht schnell wird die Ansicht aktualisiert und dankenswerter Weise wird auch das in Mobility Map reservierte Fahrzeug in der car2go - App angezeigt und Orange hervorgehoben. Neben der Beschreibung ist nur ein großer Oranger Knopf zu sehen. Alles klar: Der öffnet sicher das Fahrzeug.

Denkste. Der öffnet gar nix. Der beendet stattdessen ohne Rückfrage die Reservierung.

Das Fahrzeug ist jetzt "frei", lässt sich aber immer noch nicht öffnen. Damit mir jetzt niemand zuvorkommt und das Auto vor der Nase weg reserviert, klicke ich erneut auf den orangen Knopf und habe damit das Fahrzeug wieder reserviert. Nach etwas Sucherei komme ich dann drauf: Ich muss erst die Beschreibung (Zustand, Kennzeichen, etc.) nach oben wischen, dann erscheint am unteren Ende ein unscheinbares "Fahrzeug öffnen".

Juhuu! Tür auf!

Rucksack auf den Beifahrersitz geschmissen. Die Karre riecht neu. Schön. Dann liegt da noch ein weißes Kabel, hat wohl jemand liegen lassen. Ach nee: Ist fest am Fahrzeug befestigt und erlaubt es, das Handy anzuschließen dank Apple- und USB-Anschlüssen. Wird natürlich gleich mal genutzt. Jetzt aber los. Schlüssel schnappen, ... Nanu? Wo ist denn der Schlüssel? Der war doch sonst immer rechts neben dem Navi?!?

Die Suche ist diesmal bei weitem nicht so lang wie nach der Türöffnen-Funktion der App: Links, direkt neben der Fahrertür sind zwei Fächer für Tankkarte und Schlüssel. Nun aber:
Schlüssel ins Zündschloss, herumdrehen und ... NIX.

Hä? Ah, ja. Bremse treten bestimmt. Drehen.... NIX

Gangschalter nach links vielleicht?

NIX

Ich schau aufs Navi-Display. Da steht nix. Da links ein Knopf. Drücken bringt nix. Vielleicht länger drücken?

Aha. Navi ist jetzt aus. Auto aber leider auch immer noch.

Vielleicht abgestürzt? Ein Reset soll ja helfen. Wenn ich jetzt die Autobatterie abklemme sollte das doch...

Noch gerade rechtzeitig sehe ich, dass dort, wo normalerweise der eingelegte Gang steht ein Schlüsselsybol zu sehen ist. Als Nerd finde ich die 8Bit-Ansicht ja knuffig. Hilft mir aber auch nicht weiter. Ich weiß jetzt nur, dass ich das Auto tatsächlich nicht starten darf. Warum, weiß ich nicht.

Ich prügel stattdessen aufs Lenkrad. Das hilft. Jetzt nicht dabei, die Scheißkarre zu starten, aber mir. Ein wenig.

Ich versuche nachzuvollziehen, was ich bei dem "normalen" Car2Go immer gemacht habe. Ach ja. Auf dem Touchdisplay bestätigt, dass ich nen Führerschein habe und ein paar Smilies angetippt. Ich drücke erneut lang auf den Knopf neben dem Navidisplay.

Super. Das Navi geht wieder an!

Der Motor leider weiterhin nicht. Ich patsche auf dem Navi herum in der Hoffnung, zufällig einen Button zu erwischen, der mir jetzt weiterhilft. Nur unter körperlichen Schmerzen halte ich mich zurück um zu prüfen, ob das Touchdisplay auch auf Faustschläge reagiert.

Ich lasse meine Wut erneut am Lenkrad aus und versuche, ob der Zündschlüssel sich vielleicht mit etwas mehr Gewalt drehen lässt...

Fehlanzeige.

Dann: Ein Geistesblitz. Ich schnappe mir mein Smartphone. Es ist natürlich längst in Standby gegangen. Ich schalte es ein, wechsel ins Menü und starte die Car2Go- App. Die Karte wird gezeigt. Ich suche mein reserviertes Fahrzeug, das freundlicherweise noch farblich hervorgehoben ist und wähle es aus. Und siehe da: Auf meinem Smartphone werde ich gefragt, ob der Innenraum sauber ist und wie das Auto außen so aussieht. Also das, was ich sonst immer direkt auf dem Touchdisplay des Fahrzeugs eingebe. Zwei mal Klick, Zündschlüssel erneut drehen und ENDLICH

DIE KARRE SPRINGT AN!

Fast schon euphorisch stell ich die Automatik auf A, löse die Handbremse und fahr los. Der Eco-Modus wird ausgeschaltet. Für dieses störrische Verhalten muss die Karre leiden. Die Laune steigt, ich fummel auf dem Navi herum und finde die Musik-Einstellung. Das Navi sucht nach Musikdateien. Praktisch, wenigstens kann ich jetzt meine MP3s abspielen vom Smartphone. Finde ich cool. Es dauert eine ganze Weile. Kein Wunder: Habe ja auch jede Menge Musikfiles auf dem Smartphone. Dann: Nichts. Bzw.

"Es konnten keine Titel auf dem iPod gefunden werden"

Hätte mich auch schwer gewundert, wenn doch. Habe ja gar kein iPod, sondern mein Android-Phone angeschlossen.

Scheiß drauf. Die Heimfahrt verläuft ohne Probleme, allerdings auch ohne akustische Untermalung. (Wenn man von meinen Flüchen absieht).

Zu Hause angekommen stelle ich den Wagen ab, ziehe die Handbremse an und nehm den Schlüssel raus. Das Navi geht aus und ich stecke den Schlüssel zurück ins vorgesehene Fach. Naja. Ich versuche es. Mal mit mehr mal weniger Gewalt.

Ich bin ja lernfähig, also schau ich wieder aufs Smartphone. Aha. Ich soll nicht den Schlüssel da rein stecken, sondern den Anhänger des Schlüssels. Da gibt es auch ein "Miete beenden" - Knopf. Passiert aber nix, wenn ich drauf drücke.

Mein Puls steigt wieder.

Im Hilfetext steht immerhin, was zu tun ist. Aha: Vielleicht, weil das Licht noch an ist?

BINGO!

Das Smartphone ändert die Ansicht. Jetzt gibt es ein großes, klar zu erkennendes Symbol "MIETE BEENDEN" mit einem Haken, dass fast das ganze Display ausfüllt. Ich drücke drauf. Und es passiert das, was ich erwartet habe:

NICHTS.

Aber ich bin ja mittlerweile erfahren. Ich schau noch einmal an den unteren Rand des Displays:

Ja. Da steht klein und schüchtern noch mal "Miete beenden"

Klappt!

Ich darf jetzt aussteigen und die Tür schließen.

Mach ich.

Ich schau aufs Display an der Windschutzscheibe.

"Miete beendet"

Puh. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet.

Warum musste ich eigentlich nicht angeben, ob es neue Schäden gibt? Muss man doch sonst immer? Ach, will ich sicherheitshalber gar nicht wissen. Und nein: Es gibt keine neuen Schäden. Aber nur dank einer fast unmenschlichen Selbstbeherrschung. Selbst Mr. Miyagi hätte vermutlich in den Spiegel gebissen.

Mal ehrlich car2go: Das war eine Odysee, die ich mir gerne erspart hätte. Ich dachte, Apps sollten das Leben einfacher machen? Ich habe das Ganze nur aus folgenden Gründen durchgestanden:

  • Wusste ich nicht, was passiert, wenn ich einfach aufgebe. Läuft dann der Taxameter weiter?
  • Bin ich Softwareentwickler und kann mich in die kranken Gehirnwindungen von anderen Programmiern eindenken
  • Kannte ich das alte System und wusste daher, dass noch irgendwo eine Eingabe erfolgen muss.

Natürlich. Ab jetzt weiss ich, wie der Hase läuft, aber das ist echt eine Katastrophe. Wenn schon nicht mehr über das Touchdisplay Informationen angezeigt werden, hängt wenigstens einen deutlich erkennbaren Aufkleber daneben, dass man auf dem Smartphone noch was drücken muss. ICH schaue üblicherweise nicht mehr aufs Telefon, wenn ich mich ans Steuer setze.

Und zu guter Letzt: Bitte, Mobility Map: Ich weiß, dass ist nicht Euer Fehler, aber bietet - solange es keine Möglichkeit gibt, das Auto direkt über Eure App zu öffnen - eine Option "Smartphone-only" - Fahrzeuge einfach komplett auszublenden.

Und als kleine aber wichtige Ergänzung: Eigentlich finde ich Carsharing total Klasse. Ich nutze es immerhin so oft, dass sich die 10 Euro monatlich für SwitcHH für mich lohnen. Umso schlimmer, dass ich als technisch versierter carsharing-Poweruser dermaßen mit der Technik kämpfen musste. Ist ja ohnehin bald wieder gutes Wetter (hoffentlich). Mini-Cabrio ist eh schicker :)